HESSE-HANBUCH: Wohnungsbau darf nicht in ungesunden Geilwuchs ausarten

FDP-Oberbürgermeisterkandidatin Gerburg Hesse-Hanbuch zum Wachstum der Stadt

Den in der kommenden Sitzung der Stadtverordnetenversammlung zu beschließenden planerischen Wettbewerb für das Kuhnwaldt-Gelände am Hauptbahnhof nimmt Gerburg Hesse-Hanbuch, die FDP-Kandidatin zur Oberbürgermeisterwahl, zum Anlass, das Tempo und Ausmaß des Wohnungsbaus in Darmstadt zu hinterfragen. Unter Verwendung eines Begriffs aus der Biologie für zu schnelles und zu starkes Wachstum von Pflanzen sagt sie: „Das Wachstum der Einwohnerzahl und der Wohnungsbau dürfen nicht in einen ungesunden Geilwuchs ausarten.“ Auf allen freiwerdenden Flächen immer nur noch mehr neue Wohnungen zu bauen, sei fragwürdig. Gedacht werden müsse auch daran, dem Gewerbe Flächen zu bieten für neue, moderne Arbeitsplätze.

Für das frei werdende Gelände der Spedition Kuhnwaldt am Hauptbahnhof schlägt der Magistrat einen „städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb“ vor als nächsten Schritt für die künftige Entwicklung des Geländes im Zusammenhang mit dem Gelände der benachbarten ehemaligen Starkenburg-Kaserne. Ziel ist eine Umnutzung des Areals „vorwiegend zu Wohnzwecken und teilweise zu gewerblicher Nutzung“, heißt es in der Magistratsvorlage. Eine erste Bürgerbeteiligungsrunde hat bereits stattgefunden und ein sogenannter Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan wurde bereits gefasst.

Trotzdem empfiehlt Hesse-Hanbuch, noch einmal darüber nachzudenken, ob wirklich so viel Wohnungsbau erstrebenswert ist. „Man könnte auch der Ansiedlung von Arbeitsplätzen zum Beispiel aus der Kreativwirtschaft den Vorrang geben, denn das ist ein Sektor mit großem Zukunftspotenzial und moderne Arbeitsplätze sind mindestens so wichtig wie Wohnungen“, sagt die liberale Oberbürgermeisterkandidatin. Je nach Abgrenzung des Sektors werde die Kreativwirtschaft, zu der unter anderem Werbeagenturen, Designfirmen, digitale Filmbearbeitung und Architekturbüros gehören, in Hessen auf 70.000 bis 120.000 Arbeitsplätze geschätzt mit einem jährlichen Umsatz von acht bis 14 Milliarden Euro. Daran zu partizipieren müsse Darmstadt gewillt sein und dürfe das Feld nicht Frankfurt überlassen.

Auch generell müssten Tempo und Ausmaß des Wohnungsbaus in Darmstadt kritisch überprüft werden. Sie bezweifle nicht den Nachfragedruck. „Aber es gibt auch einen Pull-Effekt. Eine massive Ausweitung des Angebots löst auch einen noch höheren Nachfragedruck aus“, sagt Hesse-Hanbuch. Die Steigerung der Einwohnerzahl dürfe kein Selbstzweck sein – „schon gar nicht, falls dabei heimlich auf die Schwelle von 175.000 Einwohnern geschielt würde, bei deren Überschreitung die gesetzlich geregelte Gehaltsstufe der Magistratsmitglieder automatisch steigt“, betont Hesse-Hanbuch.

Wenn sie an der „massiven Neubebauung“ der ehemaligen amerikanischen Lincoln-Siedlung an der Heidelberger Landstraße vorbeikomme, werde sie nachdenklich, „ob so viel und so dichter Wohnungsbau die Attraktivität und Lebensqualität der Stadt wirklich erhöht oder ob man nicht befürchten muss, dass daraus in 25 oder 30 Jahren ein sozialer Brennpunkt entstanden sein könnte“, sagt die FDP-Kandidatin.

Das Gelände der Spedition Kuhnwaldt kennen alle Bahnfahrer, weil sie dort bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof eine große Zahl von neuen Autos stehen sehen, die auf ihre Abholung zu den Autohändlern in der Region warten. Die derzeitige Nutzung des Areals soll bis Ende 2024 aufgegeben werden und die Grundstückseigentümerin hat das Ziel, die Fläche in Kooperation mit der Stadt zu entwickeln.